ensemble am bunsen

Alter Messi mit Pudel

Veröffentlicht in Faust I von ottoessig am 24. April, 2008

Wir haben heute Abend eine sehr originelle Darbietung von Faust I im Zwinger in Heidelberg gesehen:

FAUST eins

Figurentheatersolo nach Johann Wolfgang Goethe

Regie ° Michael Schwyter Beratung °

Annette Büschelberger

Figurenbau & Bühne ° Michael Schwyter

Zunächst erlebten wir eine sehr langweilige, ohne jedes Pathos oder besonderen Einfallsreichtum vorgetragene Exposition von einem jungen Interpreten, der sich hinter einer hässlichen, unförmigen, fast körperweltenartig anmutenden, gerade noch als menschliche Figur erkennbaren, puppenartigen Hohlform versteckte. Schon diese Beschreibung zeigt, dass die Puppe, die den Faust darstellt, alles oder nichts ist, eine Hohlform, beliebig zu füllen mit jedem, ein Jedermann also. Die Langeweile, die sich dem Zuschauer aufdrängt, entpuppt sich sehr schnell als Konzept. Was gibt es langweiligeres, als ein Gelehrtenleben, das sich völlig isoliert zwischen alten Wälzern abspielt. Was heißt zwischen alten Wälzern! In der Präsentation handelt es sich um Müll! Die Bühne ist gefüllt mit kitschigen Lämpche, Plastiktüten, Kinderspielzeug, wieder Plastiktüten, einer Matratze als Ausdruck verschiedenster menschlicher Grundbedürfnisse, Musikinstrumente etc. War Faust ein Messi? Oder ist der Schauspieler, der dies darbietet, ein Messi?

Natürlich ist Faust ein Messi, denn was bedeuten ihm die alten Schinken, die er angehäuft hat? Viel, aber gleichzeitig nichts, denn sie können ihn nicht erlösen. Gleichzeitig haben wir in dieser „Studierstube“ ein Paradigma für die Welt. Genauso liegen überall die geistigen und materiellen Zeugnisse unserer Geschichte herum, ohne dass jemand bereit wäre, sie sich anzueignen (Das ist eine der besten Umsetzungen der Verse: Erwirb es, um es zu besitzen! die ich je gesehen habe!). Sie werden behandelt wie Müll und sind damit Müll, sie sind Stolperstein, wo sie eigentlich den Weg weisen könnten. Faust, jetzt nicht mehr gefüllt von unserem Schauspieler, der jetzt Mephisto ist, findet mühsam, getragen von Mephisto, schließlich den Weg hinaus in die Welt, in die Tat, die sich ganz deutlich hier als Illusion darstellt, denn alles ist von Mephisto geplant. Faust konsumiert die Wirklichkeit wie ein Computerspiel, gespielt von Mephisto, manipuliert von ihm, Faust bleiben nur wenige renitente oder klagenden Töne, die als eine hilflose Form von Widerstand interpretiert werden können. Faust ist nicht der Spieler! Das ist vielleicht eine Kritik, vielleicht aber auch nur eine resignierte Erkenntnis.

Was ist mit Gretchen? Die Darstellung von Gretchen möchte ich negativ kritisieren. Gretchen ist in Goethes Faust das unschuldige, nicht gelehrte Pendant zur männlichen Hauptfigur. Trotzdem ist sie ihm in moralischer Hinsicht ebenbürtig und wir wissen ja auch, dass sie es ist, die ihn am Schluss von Faust II, selbst erlöst, zur Erlösung führt. Gretchen erscheint in der Inszenierung nicht als paradigmatische Figur, sondern eher als bitch, die verführerische Merkmale trägt, sonst aber wenig hermacht. Sie ist verführt vom Gold, von Faust, schließlich ist sie Opfer (auch weil Faust in einem originellen, gleichzeitig aber auch unsäglichen Regieeinfall eine rotglühende Lampe zwischen den Beinen hat) (übrigens merkt man hier durch die Auslassung, wie wichtig die Szene in Frau Marthes Garten für die Handlung ist: Hier wird nämlich die Ernsthaftigkeit der Liebe zwischen Faust und Gretchen im direkten Kontrast zur obszönen Hinterhältigkeit zwischen Frau Marthe und Mephisto dargestellt) und weil Valentin fehlt und ihre Freundin am Brunnen, bekommt man wenig von ihr mit, bis Faust sie aus dem Kerker befreien will, schließlich aber von Mephisto weggetragen wird (in Sicherheit gebracht wird). Das fanden wir gut: die Rettung Fausts so darzustellen, dass Mephisto mit der Faust-Puppe hinten die Bühne verlässt und die Tür zumacht, das ist genial. Dada. Und für alle, die das nicht verstehen: Dada.

Unser Fazit war: Gut, dass wir diesen Faust gesehen haben.

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Würde von oben?

Veröffentlicht in Kommentar von ottoessig am 24. April, 2008

Das Schultheater ist eine der Einrichtungen, die richtig verstanden und umgesetzt, d.h. als offene Arbeitsform, bei der die Ensemblearbeit im Vordergrund steht, demokratische Prozesse und demokratisches Denken pflegen und fördern kann.

Es erschreckt mich schon, wenn Schüler, die sich der Macht der Lehrer hilflos ausgeliefert sehen, nach staatlichen Kontrollinstanzen rufen, wie z.B. unangekündigte Unterrichtsbesuche (von Gutmenschen vermutlich), ja sogar Überwachungskameras (arme Schüler) etc..

Wenn ein Kriegsheimkehrer aus dem 1. Weltkrieg nach einer verheerenden Niederlage und anschließender Arbeitslosigkeit im Gefühl der tiefen Ohnmacht nach einem starken Führer ruft, der ihm Abhilfe verspricht und seine Würde, fragwürdig zwar, aber immerhin wiederherstellt, dann kann man das nachempfinden. Wenn das in einer Zeit passiert, in der demokratisches Denken noch unterentwickelt und nicht eingeübt ist, dann kann man das auch verstehen. Wenn ein Schüler sich heutzutage danach sehnt, dass manche Lehrer „von oben“ kontrolliert und bestraft werden, dann kann man das bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, wenn eben dieses Gefühl der Ohnmacht und der Würdelosigkeit vorherrscht und offenbar niemand helfen kann.

Aber ist das eine Lösung? Lässt sich diese Art der „Problemlösung“ mit dem Bildungsauftrag vereinbaren und welche anderen Möglichkeiten gibt es?

Unser Wertesystem beruht auf dem Grundsatz, dass jeder Mensch Würde an sich hat. Zunächst ist dabei davon auszugehen, dass jeder Mensch versucht, richtig zu handeln und dabei die Interessen der anderen nicht zu verletzen. Kommt es nun zu Konflikten, so sollten direkte Kommunikationsprozesse in Gang gesetzt werden können, die zum Ziel haben, diese Konflikte zu lösen oder Kompromisse zu finden. Schon der Gedanke, dass diese Lösungen von irgendwie gearteten Obrigkeiten herbeigeführt werden könnten, ist problematisch. Gerade im Bildungsbereich sollte es möglich sein, Handlungsweisen zu erlernen, die einen möglichst kompetenten Umgang mit Inhalten, aber auch mit sozialen Verhaltensweisen, ermöglichen. Das sollte ein Konsens aller am Schulleben Beteiligten sein.

Es besteht kein Zweifel, die Schule hat, wie auch alle andere Institutionen, auch die Familie, eine Besonderheit, die den, sagen wir einmal machtfreien Dialog und Umgang miteinander in idealer Weise nicht erlaubt: Das ist die Unzulänglichkeit aller Menschen. Natürlich machen Lehrer Fehler, natürlich machen Schüler Fehler, natürlich machen Eltern Fehler und sogar hohe Komissare beim Schulbesuch. Daher ist es wichtig, dass Regeln und andere geeignete Instrumentarien ein verlässliches Gerüst bieten, auf die sich alle gemeinsam beziehen und besinnen können. Sie weisen uns auf unsere Grenzen hin und sollten uns daran hindern, sie zu überschreiten. Dazu muss man diese Grenzen in einem Erziehungsprozess immer wieder klar machen, anderen und sich selbst. Übrigens ist es für Kinder sehr wichtig, auf Grenzen hingewiesen zu werden, da sie sonst ihre Persönlichkeit nicht abgrenzen, bzw. definieren können und ihre Möglichkeiten in positiver Hinsicht nicht erkennen können.

Gibt es diese Regeln als Konsens und gibt es die Möglichkeit, das Gespräch zur Klärung aller Fragen und Probleme in Gang zu setzen, dann braucht man auch den Ruf nach der Obrigkeit nicht und auch nicht die würdelose, meist anonyme, späte Rache oder den Groll auf die Schule, den man dann an seine Kinder weitergibt.

Wir brauchen verlässliche und verständliche Regeln, wir müssen uns immer wieder auf ihre Einhaltung besinnen und wir brauchen die kommunikativen Fertigkeiten und den Mut, uns unseres Verstandes zu bedienen. Dann werden unsere Kinder zu selbstbewussten und in jeder Hinsicht kompetenten Individuen, die stark sind und nicht nach dem starken Mann rufen müssen. Nur so kann eine menschenwürdige moderne Gesellschaft entstehen.

Um auf den Bezug zum Theater zurückzukehren: Das Theater als Kunstform ist nicht gesellschaftskonform, es steht immer im Widerspruch zu allgemein menschlichen oder gesellschaftlich bedingten Erscheinungsformen. Eine genormte Gesellschaft versucht auch immer, die Kunst ihrer kritischen Komponente zu berauben. Das Theater ist der Todfeind jeder Normierung und aller obrigkeitlichen Strukturen. Lasst uns also den Kontrolleuren aller Länder den Schlachtruf der Freiheit entgegenschleudern, auf dass sie erblassen und die menschliche Gesellschaft für immer meiden.

Mittel zur Ausgestaltung einer Rolle

Veröffentlicht in darstellerische Mittel von ottoessig am 22. April, 2008

Also, wie könntet ihr die Aufgabe angehen, eure Rolle so zu spielen, dass die Figur nicht einfach mit der Person, die sie spielt, verschmilzt, also Romeo z.B. zu Tala wird oder Pater Lorenzo zu Melanie. Das wäre so etwa das, was Stanislawski von seinen Schauspielern forderte: Ihre Form von Wut, Hass, Liebenswürdigkeit und Misstrauen zu erspüren und dann in das Spiel einer Figur zu übertragen.(„…und dabei beging er häufig den ästhetischen Fehler, die Rolle dem Schauspieler anzupassen.“(Lee Strasberg, die Arbeit mit lebendigem Material) Das wird von Strasberg, durchaus einem Stanislawski-Schüler, kritisiert. Für ihn muss sich der Schauspieler auch dem angleichen, was wir als Rolle innerhalb eines komplexen Figuren- und Handlungsgefüges verstehen. Er gibt dafür (um das zu erreichen) auch eine sehr berühmte und hilfreiche Übung an, die wir einmal vor längerer Zeit, allerdings etwas aus dem Zusammenhang gerissen, ausprobiert haben (allerdings nicht mit letzter Konsequenz). Strasberg sieht in der Beobachtung und der Imitation von Tieren eine Möglichkeit, Verhaltensmuster zu studieren und Elemente davon in die Darstellung aufzunehem: „Es ist nun wirklich so, dass Tierübungen zum Schlüssel für die Figurendarstellung werden“. (ebenda)        Auf diese Weise möchte Strasberg den Schauspieler, der sich nur in die Rolle einfühlen will, aus sich herauskommen lassen und ihn über das Beobachten zu neuen Vorstellungen über die Rolle, die er erschaffen will, führen.  Das führt über die Tierverkörperung und dann über die Tierverkörperung in menschlicher Erscheinung.

Auf unsere Situation übertragen könnte das die Aggressivität von Capulet, die Verschmustheit von Romeo und Julia, die spielerische Lebendigkeit von Mercutio, die Fürsorglichkeit von Benvolio, die fröhliche Unbefangenheit aber auch die aufopferungsvolle Hingabe der Amme an ihre Julia etc. noch lebendiger und überzeugender machen.  Könntet ihr euch dazu Gedanken machen?

Sucht ein Tier, das eurer Ansicht nach zum Ausdruck eurer Rolle passt. Beobachtet es und imitiert es. Übertragt dann Elemente davon in euer Spiel.

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Ausschnitt aus dem dreiteiligen Roman: „Romeo und Julia in Bacharach“

Veröffentlicht in Romeo und Julia von ottoessig am 20. April, 2008

…Probe am Nachmittag. Gestern den ganzen Tag. Tamara stand auf der Bühne. Eine provisorische Bühne. Um sie herum Stühle, zusammengestellt, belegt mit abgelegten Kleidern und unbeschäftigten Schauspielern, die teils gelangweilt, auch interessiert oder auch ganz ins Gespräch vertieft den Rahmen für die Szene bildeten. Tamara las. Sie las flüssig, mit beiden Händen das Buch umklammernd, in dem ihr Text stand, den sie auch teilweise schon kannte, mit dem sie sich auch teilweise schon angefreundet hatte, obwohl sie noch wenig von ihm wußte geschweige denn spürte. Der Text meinte es gut mit Tamara, er ließ sie Worte, Sätze, ganze Kaskaden von Versen sprechen, die sie zuerst fast willenlos und ohne Gefühl sprach, doch mit jeder Stunde, die verstrich,  ergriff er stärker Besitz von ihrer Seele und entwarf einen ersten Schatten des Ausdrucks, den sie brauchte, um Sinn und Gefühl, die in ihm eingeschlossen waren, entstehen und sichtbar werden zu lassen. Um sie herum Stühle, zusammengestellt, belegt mit abgelegten Kleidern und unbeschäftigten Schauspielern, die zunehmend interessiert und aufmerksam Tamaras Metamorphose bemerkten und ergriffen wurden von dem, was sie ihnen sagte und zeigte. Tamara war jetzt ein Wesen aus einer anderen Welt, sie lebte ihr Leben in einer anderen Welt, mit anderen Menschen und anderen Gesetzen und was sie zu sagen hatte, ergriff alle zutiefst in ihrer Seele. Tamara war jetzt Julia oder Romeo oder Mercutio  oder Benvolio oder alle anderen; und als diese Verwandlung vollzogen war, fand Tamara auch eigene Worte, um ihre Figuren sprechen zu lassen und gab ihnen ihr eigenes Selbst hinzu zu ihrer Vollendung. Tamara las nicht mehr. Sie sprach und hauchte mit ihrem Atem den leblosen Figuren das Leben ein und gab ihnen mit ihren Worten den Sinn…

Probenbilder von Maya

Veröffentlicht in Romeo und Julia von ottoessig am 19. April, 2008

Noch eins

Veröffentlicht in Romeo und Julia von ottoessig am 10. April, 2008

Plakatversuche

Veröffentlicht in Romeo und Julia von ottoessig am 9. April, 2008

ImprovEverywhere Frozen Grand Central

Veröffentlicht in Darstellungsformen von ottoessig am 7. April, 2008

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Veröffentlicht in Marat von ottoessig am 5. April, 2008
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Veröffentlicht in Romeo und Julia von ottoessig am 5. April, 2008