ensemble am bunsen

Würde von oben?

Veröffentlicht in Kommentar von ottoessig am 24. April, 2008

Das Schultheater ist eine der Einrichtungen, die richtig verstanden und umgesetzt, d.h. als offene Arbeitsform, bei der die Ensemblearbeit im Vordergrund steht, demokratische Prozesse und demokratisches Denken pflegen und fördern kann.

Es erschreckt mich schon, wenn Schüler, die sich der Macht der Lehrer hilflos ausgeliefert sehen, nach staatlichen Kontrollinstanzen rufen, wie z.B. unangekündigte Unterrichtsbesuche (von Gutmenschen vermutlich), ja sogar Überwachungskameras (arme Schüler) etc..

Wenn ein Kriegsheimkehrer aus dem 1. Weltkrieg nach einer verheerenden Niederlage und anschließender Arbeitslosigkeit im Gefühl der tiefen Ohnmacht nach einem starken Führer ruft, der ihm Abhilfe verspricht und seine Würde, fragwürdig zwar, aber immerhin wiederherstellt, dann kann man das nachempfinden. Wenn das in einer Zeit passiert, in der demokratisches Denken noch unterentwickelt und nicht eingeübt ist, dann kann man das auch verstehen. Wenn ein Schüler sich heutzutage danach sehnt, dass manche Lehrer „von oben“ kontrolliert und bestraft werden, dann kann man das bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, wenn eben dieses Gefühl der Ohnmacht und der Würdelosigkeit vorherrscht und offenbar niemand helfen kann.

Aber ist das eine Lösung? Lässt sich diese Art der „Problemlösung“ mit dem Bildungsauftrag vereinbaren und welche anderen Möglichkeiten gibt es?

Unser Wertesystem beruht auf dem Grundsatz, dass jeder Mensch Würde an sich hat. Zunächst ist dabei davon auszugehen, dass jeder Mensch versucht, richtig zu handeln und dabei die Interessen der anderen nicht zu verletzen. Kommt es nun zu Konflikten, so sollten direkte Kommunikationsprozesse in Gang gesetzt werden können, die zum Ziel haben, diese Konflikte zu lösen oder Kompromisse zu finden. Schon der Gedanke, dass diese Lösungen von irgendwie gearteten Obrigkeiten herbeigeführt werden könnten, ist problematisch. Gerade im Bildungsbereich sollte es möglich sein, Handlungsweisen zu erlernen, die einen möglichst kompetenten Umgang mit Inhalten, aber auch mit sozialen Verhaltensweisen, ermöglichen. Das sollte ein Konsens aller am Schulleben Beteiligten sein.

Es besteht kein Zweifel, die Schule hat, wie auch alle andere Institutionen, auch die Familie, eine Besonderheit, die den, sagen wir einmal machtfreien Dialog und Umgang miteinander in idealer Weise nicht erlaubt: Das ist die Unzulänglichkeit aller Menschen. Natürlich machen Lehrer Fehler, natürlich machen Schüler Fehler, natürlich machen Eltern Fehler und sogar hohe Komissare beim Schulbesuch. Daher ist es wichtig, dass Regeln und andere geeignete Instrumentarien ein verlässliches Gerüst bieten, auf die sich alle gemeinsam beziehen und besinnen können. Sie weisen uns auf unsere Grenzen hin und sollten uns daran hindern, sie zu überschreiten. Dazu muss man diese Grenzen in einem Erziehungsprozess immer wieder klar machen, anderen und sich selbst. Übrigens ist es für Kinder sehr wichtig, auf Grenzen hingewiesen zu werden, da sie sonst ihre Persönlichkeit nicht abgrenzen, bzw. definieren können und ihre Möglichkeiten in positiver Hinsicht nicht erkennen können.

Gibt es diese Regeln als Konsens und gibt es die Möglichkeit, das Gespräch zur Klärung aller Fragen und Probleme in Gang zu setzen, dann braucht man auch den Ruf nach der Obrigkeit nicht und auch nicht die würdelose, meist anonyme, späte Rache oder den Groll auf die Schule, den man dann an seine Kinder weitergibt.

Wir brauchen verlässliche und verständliche Regeln, wir müssen uns immer wieder auf ihre Einhaltung besinnen und wir brauchen die kommunikativen Fertigkeiten und den Mut, uns unseres Verstandes zu bedienen. Dann werden unsere Kinder zu selbstbewussten und in jeder Hinsicht kompetenten Individuen, die stark sind und nicht nach dem starken Mann rufen müssen. Nur so kann eine menschenwürdige moderne Gesellschaft entstehen.

Um auf den Bezug zum Theater zurückzukehren: Das Theater als Kunstform ist nicht gesellschaftskonform, es steht immer im Widerspruch zu allgemein menschlichen oder gesellschaftlich bedingten Erscheinungsformen. Eine genormte Gesellschaft versucht auch immer, die Kunst ihrer kritischen Komponente zu berauben. Das Theater ist der Todfeind jeder Normierung und aller obrigkeitlichen Strukturen. Lasst uns also den Kontrolleuren aller Länder den Schlachtruf der Freiheit entgegenschleudern, auf dass sie erblassen und die menschliche Gesellschaft für immer meiden.

Eine Antwort

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  1. Lukas sagte, am 2. Mai, 2008 zu 6:02 pm

    Hallo,

    also ich finde die tatsache, dass schüler nach einer höheren kontrollmacht verlangen, schlimm.
    oft sieht man aber keinen anderen weg, weil viele lehrer nicht mit sich reden lassen. wenn der unterricht schlecht vorbereitet ist, ist das eine sache, über die man sich ärgern kann.
    richtig schlimm ist es aber meiner meinung nach, wenn lehrer einzelne schüler bevorzugen oder verachten und sie das spüren lassen.
    wenn der lehrer einem eine scheuert, kann man ihn anzeigen, deshalb geschieht diese demütigung und abschätzung auf eine subtilere weise. gleiche leistungen werden bei verschiedenen schülern unterschiedlich anerkannt, schlechte schüler bloßgestellt, bemerkungen gemacht, extra schwere fragen gestellt, manche schüler einfach ignoriert, etc.
    es sind nicht nur schlechte schüler, sondern auch oft einfach schüler, die durch irgendetwas auffallen.
    besonders die, die häufig fehlen und das regt mich ziemlich auf!!! schließlich gibt es manche, die gründe dazu haben und wenn man sie noch zusätzlich stresst und aberkennt, dann wird oft alles nur noch schlimmer.
    andere lehrer mögen engagierte schüler nicht, auch weil sie viel fehlen.
    aber auch schüler, die einfach eine andere art haben zu lernen, zu arbeiten, sich im unterricht zu äußern, als es ansonsten „normal“ ist, werden bei manchen lehrern völlig zu unrecht benachteiligt.
    ich habe das gefühl, dass bei diesen lehrern besonders die schüler beliebt sind, die brav ihre hausaufgaben machen, das in schönschrift verfasste heft auswendig lernen und nie auf die idee kommen, irgendetwas aus ihrem alltag zu hinterfragen. leute, die meiner meinung nach, spätestens im berufsleben hilflos aufgeschmissen sein werden!
    reden kann man mit solchen lehrern nur schwer bis gar nicht. aber schüler suchen auch oft nicht das gespräch, weil sie von vornerein sicher sind, dass es eh nichts bringt. dann wird es im internet oder spätestens in der abizeitung rausgelassen.
    aber direkte gespräche kommen selten vor! das liegt an schülern und an lehrern, also vielleicht generell am schulsystem? was kann man machen?
    Ich weiß es nicht!


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