ensemble am bunsen

Turmhose

Veröffentlicht in Kommentar von ottoessig am 29. Mai, 2008

Turmhose? Turmhose! Erst nach mehr als der Hälfte des Stückes, wie war noch mal der Name? Irgendwas mit „Verzeihung, Ihr Alten…“

Verzeihung, ihr Alten, wo finde ich Zeit, Liebe und ansteckenden Irrsinn?* 23.02.08Regie ° Matthias Huhn
Bühne & Kostüme ° Markus Karner, Dramaturgie ° Katrin Spira)

oder so, löst sich das Rätsel. Die Turmhose ist die Arbeitskleidung der Heimleiterin, welche die Idee von zwei ihrer Patienten begeistert aufgreift und eine Aussichtsplattform, bzw einen Turm bauen will, von dem die Heimbewohner auf die umliegende Landschaft schauen können. Welch ein großartiges Unterfangen, das allerdings daran scheitert, dass sowohl der Untergrund mit vergrabenem Diebesgut, das zwei Angestellte im Garten vergraben haben, „verseucht“ ist, als auch kein Baumaterial vorhanden ist, mit dem das Vorhaben auf eine angemessene Höhe gebracht werden können. Also weit entfernt vom Turmbau zu Babel, d.h. keine Höhe, die in irgendeiner Weise der Verwirklichung eines Traumes dienen könnte, eher ein gescheiterter Versuch, der nichtsdestotrotz mit großem Brimborium begossen und gefeiert wird, also ein Symbol für die Stellung der alten Menschen und dem Wert, der ihnen beigemessen wird. Was bleibt sind Absichtserklärungen, große Pläne und schöne Worte.

Ach ja, irgendwie hat das doch mit dem Turmbau von Babel zu tun, denn auch der ist ja gescheitert, allerdings nicht weil ein Gott die Hybris der Menschen bestraft, sondern sie scheitern an ihrer Verblendung und verwechseln die Unangemessenheit ihres Handelns mit Größe. Das kommt, auch wie in Babel, in der Verwirrung der Sprache zum Ausdruck, mit der das Versagen umgemünzt wird. Schließlich wird dieses Motiv in der Rezitation der Pflegeanweisungen weitergeführt, wo mit bürokratisch dürren Worten der Mensch zum Objekt reduziert wird.

Der Missbrauch der Sprache kommt auch dort zum Ausdruck, wo der Diebstahl materieller Güter durch den Medizinstudenten Bernhard zur Investition in seine Ausbildung uminterpretiert wird, damit also dem Wohle der Menschheit dient.

Kurz und gut, es gibt in der Anstalt Heuchelei, Raub, Machtmissbrauch und hündische Unterwerfung (Öh Walter), große Worte und nichts dahinter, Halso vieles, was auch in der äußeren Welt vorkommt. Als Valentin eine Liebesbeziehung mit der 81-jährigen Vera anfängt, scheitert diese nicht nur an deren Hinfälligkeit, sondern auch an der völligen Verständnislosigkeit und Ablehnung, die von körperlichem Ekel bis zum Mord reicht.

Ist Liebe kein Weg aus der Anstalt, so könnte es vielleicht Selbstmord sein. Doch auch dieser Weg scheitert. Der Ausdruck letzter eigener Selbstbestimmung endet mit der Bemerkung: „Jetzt liegen wir hier schon zwei Stunden rum“, also nicht tot und nicht versorgt. Würdelos eben.

Noch ein Wort zu dieser speziellen Aufführung: Der schleppende Beginn des Stückes, die fast schon aufreizende Langsamkeit der Handlung, verschafft dem Zuschauer die Möglichkeit, sich etwas im Zuschauerraum umzuschauen und siehe da: die große Mehrheit der Zuschauer sind alte Menschen; und plötzlich fühlt man sich wie im Altenheim und siehe da: genau das ist die Realität dieser Einrichtung und man ist mittendrin.

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Der ganze Text auf Englisch: Romeo und Julia

Veröffentlicht in Romeo und Julia von ottoessig am 24. Mai, 2008

Romeo and Juliet

Shakespeare homepage | Romeo and Juliet

Entire play in one page

Act 1, Prologue: PROLOGUE
Act 1, Scene 1:
Verona. A public place.
Act 1, Scene 2:
A street.
Act 1, Scene 3:
A room in Capulet’s house.
Act 1, Scene 4:
A street.
Act 1, Scene 5:
A hall in Capulet’s house.

Act 2, Prologue: PROLOGUE
Act 2, Scene 1:
A lane by the wall of Capulet’s orchard.
Act 2, Scene 2:
Capulet’s orchard.
Act 2, Scene 3:
Friar Laurence’s cell.
Act 2, Scene 4:
A street.
Act 2, Scene 5: Capulet’s orchard.
Act 2, Scene 6: Friar Laurence’s cell.

Act 3, Scene 1: A public place.
Act 3, Scene 2:
Capulet’s orchard.
Act 3, Scene 3:
Friar Laurence’s cell.
Act 3, Scene 4:
A room in Capulet’s house.
Act 3, Scene 5:
Capulet’s orchard.

Act 4, Scene 1: Friar Laurence’s cell.
Act 4, Scene 2:
Hall in Capulet’s house.
Act 4, Scene 3:
Juliet’s chamber.
Act 4, Scene 4:
Hall in Capulet’s house.
Act 4, Scene 5:
Juliet’s chamber.

Act 5, Scene 1: Mantua. A street.
Act 5, Scene 2:
Friar Laurence’s cell.
Act 5, Scene 3:
A churchyard; in it a tomb belonging to the Capulets.

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Probenplan „Romeo und Julia“

Veröffentlicht in Romeo und Julia von ottoessig am 22. Mai, 2008

Datum

Uhrzeit

Bemerkungen

1.

Freitag 30. Mai

15.45- 18.00

Reguläre Probe

2.

Samstag 31. Mai

11.00- 15.00

3.

Freitag 6. Juni

15.45- 18.00

Reguläre Probe

4.

Samstag 7. Juni

11.00- 15.00

5.

Sonntag 8. Juni

11.00- 15.00

6.

Freitag 13. Juni

15.45- 18.00

Reguläre Probe

7.

Samstag 14. Juni

11.00- 15.00

8.

Sonntag 15. Juni

11.00- 15.00

9.

Freitag 20. Juni

15.45- 18.00

Reguläre Probe

10.

Samstag 21. Juni

11.00- 15.00

11.

Sonntag 22. Juni

11.00- 15.00

12.

Freitag 27. Juni

15.45- 18.00

Reguläre Probe

13.

Samstag 28. Juni

11.00- 15.00

14.

Sonntag 29. Juni

11.00- 15.00

15.

Freitag 4. Juli

15.45- 18.00

Reguläre Probe

16.

Samstag 5. Juli

11.00- 15.00

17.

Sonntag 6. Juli

11.00- 15.00

18.

Freitag 11. Juli

15.45- 18.00

Reguläre Probe

19.

Samstag 12. Juli

11.00- 15.00

20.

Sonntag 12. Juli

11.00- 15.00

21.

Montag 14. Juli

13.00- 18.00

22.

Dienstag 15. Juli

8.00- 18.00

Mittwoch 16. Juli

19.30 Uhr

Premiere

Probenplan Romeo und Julia 2008

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Ein Nachtrag

Veröffentlicht in Romeo und Julia von ottoessig am 21. Mai, 2008

Auswahl getroffen

für das 29. Theatertreffen der Jugend 2008

Die aus Theaterschaffenden und TheaterpädagogInnen bestehende Jury des Theatertreffens der Jugend hat aus 123 eingesandten Bewerbungen acht Produktionen aus sieben Bundesländern nach Berlin eingeladen

Theatergruppe des Benedikt-Stattler-Gymnasiums / Bad Kötzting (Bayern)
dramadama
Eigenproduktion
www.bsg-koetzting.de

Theaterjugendclub HOT (Hans Otto Theater) / Potsdam (Brandenburg)
Cyrano
von Jo Roets und Greet Vissers
www.hansottotheater.de

TEGS (Theatergruppe Ernst-Göbel-Schule) / Höchst im Odenwald (Hessen)
Die Erziehungsberechtigten
Eigenproduktion
www.tegs.de

Theatergruppe am Goethe-Gymnasium Schwerin „TaGGS“ / Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern)
hamlet.net
nach William Shakespeare
www.goethegymnasium-schwerin.de

Theater mobil des jungen schauspielhannover / Hannover (Niedersachsen)
Heimat im Kopf
Eigenproduktion
www.jungesschauspielhannover.de

Tanztheatergruppe „COCOONDANCE“
in Kooperation mit der Till-Eulenspiegel-Schule / Bonn (Nordrhein-Westfalen)
Wait to be seated – KATZENTISCH
Eigenproduktion
www.cocoondance.de

Ingo Toben & „Forum Freies Theater“ / Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen)
Kleine Brüder
Eigenproduktion
www.forum-freies-theater.de

theater magdeburg / Magdeburg (Sachsen-Anhalt)
Kinder zur Sonne
Eigenproduktion
www.freijungundwild.de

Ein Sommernachtstraum

Veröffentlicht in Romeo und Julia von ottoessig am 18. Mai, 2008

Das Stück beginnt mit „Sympathy for the devil“ wie gehabt, dabei singt Tala auch die chorischen Anfangsverse, wie gehabt.

sympathy for the devil

Dann geht die Szene in das Gespräch zwischen Mercutio, Benvolio und Signora Montague über, Montague selbst ist hier nicht unbedingt nötig, wenn es uns aber gelingt, Brian für die Rolle heiß zu machen, umso besser. Nachdem die Montagues ihre Besorgnis über Romeos Verhalten geäußert haben und abgegangen sind, kommt dieser dazu.

Jetzt kommt es zum Dialog zwischen Romeo, Benvolio und Mercutio, in dessen Zusammenhang Romeos unglückliche Verliebtheit zum Ausdruck kommt. Als die Diener der Capulets dazukommen, kommt es zum Streit, in dessen Zusammenhang den Montagues bekannt wird (Motiv des verlorenen Zettels oder indem die Capulets ihnen dämlicherweise verbieten, bei Julias Fest zu erscheinen), dass Julia in Abwesenheit ihrer Eltern eine Party gibt, bei der ruhig die Amme, die ja in närrischer Liebe auf Julias Seite ist, anwesend sein kann. Damit müsste man die Absprachen zwischen Capulet und Paris völlig von der Party-Szene trennen, was aber keine Schwierigkeit wäre. Diese Absprachen müssten dann vor der Party stattfinden.

Beim Fest sollte dann Julia mit irgendjemandem herumknutschen, bis sie Romeo sieht.

Es wäre sogar möglich, dass erst an dieser Stelle der Shakespeare-Text kommt. Vorher könnte alles in aktuellem Deutsch gesprochen werden.

Tybalts Angriff auf die Montagues, den im Stück Capulet verhindert, könnte in diesem Fall dann von Julia abgewehrt werden.

Es wäre auch interessant, das Bündnis zwischen Capulet und Paris etwas deutlicher als wirtschafts- und machtpolitisches Kartell darzustellen, in dessen Interesse Menschen beliebig manipuliert und verschoben werden. (Die Pest, die im Stück verhindert, dass Romeo den Brief Lorenzos erhält, könnte dann z.B. durch einen von Capulet gesteuerten Geheimdienst ersetzt werden.) (Sogar der Bundespräsident spricht schon vom unmenschlichen Gesicht des Kapitalismus.)

Pater Lorenzo könnte dann statt seines Textes im Stück aus dem kommunistischen Manifest vorlesen und seine Bemühungen, die Pläne Capulets zu durchkreuzen, erhielten dann einen überindividuellen, gesellschaftspolitischen Charakter.

Der Fürst, der ja im Stück eine feste sittlich- moralische Instanz ist, könnte auf diesem Hintergrund als hohler Laberer dargestellt werden, der mit Gemeinplätzen im Jargon der Eigentlichkeit die antagonistischen Gegensätze zu übertünchen versucht.

Natürlich könnte man, z.B. im Gespräch von Romeo, Mercutio und Benvolio noch die Schulpolitik und die damit verbundene Problematik zur Sprache bringen, einschließlich der misslichen Lage der Theater-AG.

Als ich aufwachte, merkte ich, dass alles nur ein Traum war und dass Änderungen am Stück gar nicht mehr möglich sind, da ihr ja alle den Text schon gelernt habt.

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Carpe diem!

Veröffentlicht in Romeo und Julia von ottoessig am 11. Mai, 2008

Ich möchte heute, während alle Welt herzförmige Muttertagstorten verzehrt, kurz Stellung nehmen zu unserer letzten Probe, die ja ziemlich stark von den Wirren des Schulalltags und der Illusion darauffolgender ewiger Ferien geprägt war. Ich habe von den wenigen Szenen, die wir spielen konnten, kurze Filmaufnahmen. Leider ist es mir bisher nicht gelungen, diese in unser Weblog zu stellen, es gibt da erhebliche Probleme mit dem Format.

Diese Aufzeichnungen haben mich an einen kurzen theatergeschichtlichen Überblick von Lee Strasberg erinnert, der sich mit der Art des Schauspielens beschäftigt. Ich habe kürzlich schon kurz (in Wort und Gebärde) auf Shakespeares Vorstellungen hingewiesen.

Nun scheint es mir immer drängender, das, was wir erkannt haben, auch in die Tat umzusetzen, es darstellerisch wirksam werden zu lassen.

In Molières Zeit gab es Schauspieltruppen, die sich bei der Darstellung nicht am Leben orientierten, sondern darin eine Kunstform sahen, die wir heute eher als gekünstelt bezeichnen würden. Ein zeitgenössischer Beobachter hat das im Vergleich zu Molières realistischer Darstellungsform so beschrieben:

„Diese Ignoranten (Molières Truppe) sprechen ja auf der Bühne so wie im Leben! Sie wissen nicht, dass man die Verse hinausschmettern und im rechten Augenblick eine Pause machen muss. Wie sollen die Leute denn sonst merken, wo eine schöne Stelle ist, wenn der Schauspieler nicht aufhört und uns dadurch zu erkennen gibt, dass der Augenblick für die Ovationen gekommen ist?“ (Les précieuses ridicules aus Carl Mantzius A history of Theatrical Art, Vol.IV, S. 123)

Ein Schüler Molières, der Schauspieler Baron, setzte diese realistische Spielweise um und wird von einer italienischen Schauspielerin, die einen seiner Auftritte beschreibt, folgendermaßen dargestellt:

„…er spricht und nicht deklamiert (…) er hört seinen Mitspielern zu, etwas, worauf Schauspieler gewöhnlich nicht achten, und seine Aufmerksamkeit wird von einem Spiel der Mienen und Bewegungen des Körpers begleitet, wie die Natur der Sätze, denen er zuhört, es verlangt (vgl. Shakespeare). Wenn er spricht, ist seine Rede ein echtes Gespräch.“

Diese Darstellungsweise steht der großen Deklamation entgegen und wird sich immer mehr durchsetzen, je mehr auf der Bühne Individuen dargestellt werden, die Themen und Handlungen aus dem Leben einer immer emanzipierter werdenden bürgerlichen Gesellschaft darstellen.

Später wird der englische Schauspieler und Schauspieltheoretiker David Garrick diese Richtung noch konsequenter umsetzen. So ist bekannt, dass Garrick häufig einen Mann beobachtete, dessen zweijährige Tochter durch seine Schuld beim Spielen aus dem Fenster gefallen war und der danach nie mehr zu Sinnen kam, in seinem Schmerz gefangen blieb und seine Tage damit verbrachte, mit einem imaginären Kind zu spielen. Man nimmt an, dass Garrick seine Darstellung des Wahnsinns von König Lear am Beispiel dieser realistischen Situation entwickelt hat. An dieser Situation hat er das Wesen des Wahnsinns studiert und in seiner gesamten Verfassung dieses Elend zum Ausdruck gebracht, anstatt den Wahnsinn schablonenhaft durch heftiges Gestikulieren oder Hochfahren darzustellen.

Warum dieser historische Exkurs?

Als ich die am letzten Freitag aufgenommenen Spielszenen anschaute, ergab sich glücklicherweise folgender Fehler bei der Aufnahme: Häufig sind die Sprecher nicht im Bild.

Dadurch, dass die Sprache also aus dem Off kommt, zeigt sich der Effekt, den wir auch schon häufig simuliert haben, indem wir den Darstellern den Rücken zugekehrt und nur auf die Sprache gehört haben. So zeigte sich, dass die Darsteller die Vorgabe des Souffleurs, den man leider fast immer noch braucht, pathetisch überzogen wiederholen, bzw. in der Kampfszene durch Geschrei, dessen Ausdrucksqualität kaum erkennbar ist, wiedergeben.

Ich möchte, dass wir diese schon häufiger diskutierten Erkenntnisse jetzt in die Tat umsetzen: Würdet ihr also schon beim Lernen des Textes, was ja eine Aktivität ist, die jeweilige Gestimmtheit der Szene eruieren und bei der sprachlichen, gestische und mimische Umsetzung der Szene berücksichtigen. Übrigens solltet ihr dabei auch bedenken, dass „Marat“ ein Stück des epischen Theaters ist, bei dem diese „Stimmigkeit“ in der Darstellung nicht ganz so wichtig ist, und da von der ganzen Anlage des Stückes her die Darsteller ihre Rolle auch nur spielen und der Bruch der Ebenen durchaus gewollt ist. Das ist bei „Romeo und Julia“ anders, wie ihr unschwer erkennt.

Und noch etwas: Dort wo die Schauspieler auf unseren Filmaufnahmen „im Bilde sind“, zeigt sich, dass (nach Bacharach wieder oder immer noch) die räumliche Zuordnung der Darsteller zueinander eher zufällig ist. Meist ist es dicht beieinander mit relativ unmotiviertem Weglaufen, ohne dass ein Fokus erkennbar wäre. Ihr habt doch den tollen Fokus! Also setzt ihn ein. Wir kleben bei der nächsten Probe unseren Dialogpartnern einen Aufkleber mit der Aufschrift „Fokus“ auf die Stirn. Das heißt nicht, dass sich der Fokus nicht ändern darf, allerdings braucht ihr für die Veränderung eine Begründung (z.B. Ich wende mich verärgert ab, kann evtl. den Anblick einer Figur nicht ertragen oder ich möchte mit meiner Verzweiflung alleine sein, da ich sowieso kein Verständnis erwarte):

Daraus folgt, dass ihr euch ganz ernsthaft mit eurer Rolle und mit eurem Text in der oben dargestellten Art und Weise beschäftigen und zur Tat schreiten müsst. Andernfalls wird’s nix.

Carpe diem!

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Was macht denn so das werte Plakat?

Veröffentlicht in Romeo und Julia von ottoessig am 4. Mai, 2008
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Zeit, sich freizuspielen

Veröffentlicht in Romeo und Julia von ottoessig am 3. Mai, 2008

Jetzt beginnt im Hinblick auf unsere Aufführung von „Romeo und Julia“ die letzte Probenphase.

Was wir in den letzten Monaten ausprobiert haben, soll jetzt mit Leben gefüllt und ausgestaltet werden.

Da wir jetzt nicht mehr häufig unterbrechen müssen, kann man größere Sequenzen proben und den Ablauf des Stückes im Zusammenhang sehen. Vieles wird sich jetzt noch verändern. Der „Durchlauf“ gewinnt zunehmend an Bedeutung.

Der gekürzte Text ist jetzt bekannt. Die letzte Probenphase dient nicht mehr dem Textlernen, sondern der Automatisierung des Textes. Nur so können sich die Schauspieler „freispielen“ und souverän ihre Rollen beherrschen. Nur so können Schauspieler „von innen heraus“ spielen und ihren Ausdruck voll entfalten. Dies erhält die Präsenz und schafft das Band der Faszination, das ein Publikum mit der Bühne verbinden muss.

Jetzt weisen wir den Mitspieler nicht mehr auf Fehler hin (du musst dies und jenes sagen), sondern helfen ihm, da wir den Handlungszusammenhang kennen, etwaige Klippen zu umschiffen (was wolltest du sagen, nur nicht schüchtern, ruhig heraus damit). Wenn wir souverän sind, können wir solche Situationen auch gekonnt zu Improvisationen nutzen. Schaffen wir das, dann wirkt der Text auch nicht mehr einstudiert, sondern gelebt.

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Wort und Gebärde

Veröffentlicht in Romeo und Julia von ottoessig am 2. Mai, 2008

Aus Hamlet stammt eine Anweisung an die Schauspieler, die auch heute noch als modern verstanden wird bzw. vielleicht erst heutzutage wirklich zum Tragen kommt:

„Pass die Gebärde dem Wort, das Wort der Gebärde an.“

Das beschreibt eine Darstellungsform, die stimmig ist, ohne Schwulst und aufgesetztes Pathos. Der Schauspieler soll so spielen, wie es in der Realität fern der Bühne getan, gedacht, gefühlt wird. Der Schauspieler soll keine Effekte zu haschen versuchen, sondern ein Bild der Wahrheit geben. So wird zwar in Shakespeares Sprache ein sehr plastisches Bild der Wirklichkeit entworfen, dabei ist die reiche Bildhaftigkeit aber immer ein adäquater Ausdruck für Gefühltes oder Erlebtes:

„Oh schwöre nicht beim Mond, dem Wandelbaren, dass wandelbar nicht deine Liebe sei!“

„Dann stahl ich alle Freundlichkeit vom Himmel Und kleidete in solche Demut mich, dass ich Ergebenheit aus aller Herzen zog.“

„Wo Norwegens Banner schlägt die Luft und fächelt kalt unser Volk“

Für Shakespeare ist alles lebendig und aktiv, aber: „Passt die Gebärde dem Wort, das Wort der Gebärde an.“ Werde der Natur des Menschen gerecht, „in Gang und Ton“.

Guter Mond, du gehst so stille…

Veröffentlicht in Kommentar von ottoessig am 1. Mai, 2008

Ich möchte mich heute Abend noch zu einer meiner Ansicht nach sehr wichtigen Funktion des Theaters und der Kunst überhaupt in der heutigen Zeit äußern.

In unserer Zeit gibt es nicht, wie noch vor 18 Jahren, eine alternative Welt mit einem alternativen gesellschaftlichen System, das unser System in der Auseinandersetzung lebendig hielt und immer zwang, in Punkto Wohlstand, Freiheit und Effektivität besser zu sein, um die Menschen von seiner Qualität zu überzeugen. Beleidigte Reaktionen wie: „geh doch rüber, wenn es dir hier nicht passt“, blieben immer individuelle Ausnahmen. Der Staat hätte es sich nicht leisten können, sein unzufriedenes Volk „rüberzuschicken“.

Heute haben wir zwar noch immer keine „Eine-Welt“, aber wir haben nur noch ein System, das die Welt regiert. Was das politisch bedeutet, möchte ich hier nicht diskutieren.

Ich möchte aber diskutieren, was es im Hinblick auf die ideologische Ausrichtung der Menschen, insbesondere der Jugend in unserer Zeit bedeutet.

Junge Menschen wachsen in unserer Zeit in einer Gesellschaft auf, die nunmehr ohne Rücksicht auf alternative Ideologien ihre Ziele alleine diktieren kann. Junge Menschen wachsen mit ungebrochenen Konsumvorstellungen auf, mit ungebrochenen Oberflächlichkeiten in den Medien, die sich alleine an (letztlich manipulierten) Konsumentenwünschen orientieren. Junge Menschen lesen heute keine Philosophen mehr, die alternative Gesellschaftsmodelle entworfen haben oder kritisch auf Missstände hinweisen. Sie setzten sich nur noch mit der Frage auseinander, wie gut kann ich mich den Anforderungen des Systems anpassen.

Und genau an diesem Punkt versagt unser heutiges Schulsystem. Anstatt den Jugendlichen Bildung im wahrsten Sinne des Wortes zu vermitteln, d.h. die Jugendlichen mit historischen Kenntnissen, mit sprachlichen Kompetenzen und Wissen in anderen Bildungsbereichen auszustatten, präsentieren wir Inhalte aller Art wie Fetzen eines in seiner Gesamtstruktur nicht mehr erkennbaren Gewebes und sichern ihre Existenzberechtigung mit Noten ab, die ihr seelenloses Nachbeten honoriert.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Es geht nicht gegen Wissen in möglichst vielen Bereichen, aber ich wende mich gegen eine Wissenvermittlung unter Zeitdruck und als Massenabfertigung, welche Fragen, wie und wozu dieses Wissen letztlich eingesetzt werden soll, völlig ignoriert. Bildung ist im Augenblick Leistungsdruck auf Schüler und Lehrer gleichermaßen, leicht gemildert durch den Irrtum, dass durch richtige Methoden Faktenwissen leichter in den Schüler flutscht (dabei ist die Idee des Nürnberger Trichters schon im Mittelalter Gegenstand der Satire gewesen). Eine Wertediskussion, die den Schülern einen Blick auf ihren/unseren Stellenwert in der Geschichte, d.h. Vergangenheit und Gegenwart, eröffnen könnte, wird nicht mehr geführt. Inzwischen haben die Schüler selber die letztlich von der unmittelbaren Verwertbarkeit der Abiturienten in einem Turbostudium mit anschließender unmittelbaren Verwertbarkeit in der Wirtschaft, zu der heute auch zunehmend die Forschung an den Universitäten zu zählen ist, internalisiert. Eine Diskussion wird häufig genug von den Schülern mit der Bemerkung in Frage gestellt oder abgebrochen: „Ist das für die nächste Klausur wichtig?“

Kritisches Denken, inhaltliche Diskussionen sind nicht nur nicht mehr gefragt, man weiß gar nicht mehr, dass es so etwas gibt.

Ich möchte jetzt zu meinem eigentlichen Thema kommen:

Ich denke, dass in einer Zeit der völligen Abwesenheit politischer und philosophischer Auseinandersetzungen die Kunst die Aufgabe hat, demokratische Prozesse zu befördern und geistige Auseinandersetzungen zu führen.

Das war auch der Grund, warum ich so entsetzt war, als ich kürzlich aufgefordert wurde, mehr „Druck“ zu machen (wie in Erdkunde oder was weiß ich, in Mathe), damit die Produktion unseres Theaterstückes Fortschritte macht.

Wenn wir den produktiven Möglichkeiten im Bildungsbereich ihre ureigenste Qualität nehmen, und sie in das monotone Stampfen der sich im Rad drehenden Hamster einreihen, sie in ein von oben verordnetes System pressen, dann haben wir uns nicht nur der Kreativität, der Möglichkeit zur Distanzierung, der Möglichkeit zur alternativen Sicht -und Denkweise, letztlich der Möglichkeit zur Veränderung beraubt, wir haben dann auch ein Menschenbild über Bord geworfen, das von der Aufklärung bis zu den sozialen Vorstellungen des Sozialismus die freiheitlichen und kreativen Möglichkeiten des Menschen ermöglicht und gefördert und letztlich unsere freiheitlichen Strukturen ermöglicht hat.

Wir wenden uns mit aller Entschiedenheit gegen die Entmündigung des Menschen, dem suggeriert wird, dass die real existierende Wirklichkeit die einzig mögliche Wirklichkeit und Anpassung das einzig richtige Verhalten ist.

Wir wenden uns gegen die Entmündigung der Jugendlichen, indem sie z.B. in der Theater -AG nicht als Objekte oder als Marionetten geführt werden, sondern lernen, aus eigenem Antrieb und mit eigener Motivation, denn nur so ist Kreativität möglich, zu handeln.

Ich möchte zum Schluss sagen, dass die Beschäftigung mit Kunst, hier mit dem Theater, die Möglichkeit bietet, dass Menschen aus sich heraustreten können, sich selbst und andere in anderen Wirklichkeitszusammenhängen sehen können und so ihre Rolle im Stück, das später dann das Leben ist, klarer sehen und in gestaltender Weise kompetenter, als Gestalter in einem positiven Sinne, spielen können. Was passiert mit Marionetten, wenn der Meister die Fäden loslässt?  Sie fallen zu Boden, ihre Hilflosigkeit wird offenbar, ihre Möglichkeiten werden nicht genutzt, und schließlich können die Fäden von jemandem aufgehoben werden, der gar kein Meister ist, sondern ein Tyrann, der sich am wilden Tanz der willenlos herumgeschleuderten Puppen ergötzt.

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