Guter Mond, du gehst so stille…
Ich möchte mich heute Abend noch zu einer meiner Ansicht nach sehr wichtigen Funktion des Theaters und der Kunst überhaupt in der heutigen Zeit äußern.
In unserer Zeit gibt es nicht, wie noch vor 18 Jahren, eine alternative Welt mit einem alternativen gesellschaftlichen System, das unser System in der Auseinandersetzung lebendig hielt und immer zwang, in Punkto Wohlstand, Freiheit und Effektivität besser zu sein, um die Menschen von seiner Qualität zu überzeugen. Beleidigte Reaktionen wie: „geh doch rüber, wenn es dir hier nicht passt“, blieben immer individuelle Ausnahmen. Der Staat hätte es sich nicht leisten können, sein unzufriedenes Volk „rüberzuschicken“.
Heute haben wir zwar noch immer keine „Eine-Welt“, aber wir haben nur noch ein System, das die Welt regiert. Was das politisch bedeutet, möchte ich hier nicht diskutieren.
Ich möchte aber diskutieren, was es im Hinblick auf die ideologische Ausrichtung der Menschen, insbesondere der Jugend in unserer Zeit bedeutet.
Junge Menschen wachsen in unserer Zeit in einer Gesellschaft auf, die nunmehr ohne Rücksicht auf alternative Ideologien ihre Ziele alleine diktieren kann. Junge Menschen wachsen mit ungebrochenen Konsumvorstellungen auf, mit ungebrochenen Oberflächlichkeiten in den Medien, die sich alleine an (letztlich manipulierten) Konsumentenwünschen orientieren. Junge Menschen lesen heute keine Philosophen mehr, die alternative Gesellschaftsmodelle entworfen haben oder kritisch auf Missstände hinweisen. Sie setzten sich nur noch mit der Frage auseinander, wie gut kann ich mich den Anforderungen des Systems anpassen.
Und genau an diesem Punkt versagt unser heutiges Schulsystem. Anstatt den Jugendlichen Bildung im wahrsten Sinne des Wortes zu vermitteln, d.h. die Jugendlichen mit historischen Kenntnissen, mit sprachlichen Kompetenzen und Wissen in anderen Bildungsbereichen auszustatten, präsentieren wir Inhalte aller Art wie Fetzen eines in seiner Gesamtstruktur nicht mehr erkennbaren Gewebes und sichern ihre Existenzberechtigung mit Noten ab, die ihr seelenloses Nachbeten honoriert.
Ich möchte nicht missverstanden werden: Es geht nicht gegen Wissen in möglichst vielen Bereichen, aber ich wende mich gegen eine Wissenvermittlung unter Zeitdruck und als Massenabfertigung, welche Fragen, wie und wozu dieses Wissen letztlich eingesetzt werden soll, völlig ignoriert. Bildung ist im Augenblick Leistungsdruck auf Schüler und Lehrer gleichermaßen, leicht gemildert durch den Irrtum, dass durch richtige Methoden Faktenwissen leichter in den Schüler flutscht (dabei ist die Idee des Nürnberger Trichters schon im Mittelalter Gegenstand der Satire gewesen). Eine Wertediskussion, die den Schülern einen Blick auf ihren/unseren Stellenwert in der Geschichte, d.h. Vergangenheit und Gegenwart, eröffnen könnte, wird nicht mehr geführt. Inzwischen haben die Schüler selber die letztlich von der unmittelbaren Verwertbarkeit der Abiturienten in einem Turbostudium mit anschließender unmittelbaren Verwertbarkeit in der Wirtschaft, zu der heute auch zunehmend die Forschung an den Universitäten zu zählen ist, internalisiert. Eine Diskussion wird häufig genug von den Schülern mit der Bemerkung in Frage gestellt oder abgebrochen: „Ist das für die nächste Klausur wichtig?“
Kritisches Denken, inhaltliche Diskussionen sind nicht nur nicht mehr gefragt, man weiß gar nicht mehr, dass es so etwas gibt.
Ich möchte jetzt zu meinem eigentlichen Thema kommen:
Ich denke, dass in einer Zeit der völligen Abwesenheit politischer und philosophischer Auseinandersetzungen die Kunst die Aufgabe hat, demokratische Prozesse zu befördern und geistige Auseinandersetzungen zu führen.
Das war auch der Grund, warum ich so entsetzt war, als ich kürzlich aufgefordert wurde, mehr „Druck“ zu machen (wie in Erdkunde oder was weiß ich, in Mathe), damit die Produktion unseres Theaterstückes Fortschritte macht.
Wenn wir den produktiven Möglichkeiten im Bildungsbereich ihre ureigenste Qualität nehmen, und sie in das monotone Stampfen der sich im Rad drehenden Hamster einreihen, sie in ein von oben verordnetes System pressen, dann haben wir uns nicht nur der Kreativität, der Möglichkeit zur Distanzierung, der Möglichkeit zur alternativen Sicht -und Denkweise, letztlich der Möglichkeit zur Veränderung beraubt, wir haben dann auch ein Menschenbild über Bord geworfen, das von der Aufklärung bis zu den sozialen Vorstellungen des Sozialismus die freiheitlichen und kreativen Möglichkeiten des Menschen ermöglicht und gefördert und letztlich unsere freiheitlichen Strukturen ermöglicht hat.
Wir wenden uns mit aller Entschiedenheit gegen die Entmündigung des Menschen, dem suggeriert wird, dass die real existierende Wirklichkeit die einzig mögliche Wirklichkeit und Anpassung das einzig richtige Verhalten ist.
Wir wenden uns gegen die Entmündigung der Jugendlichen, indem sie z.B. in der Theater -AG nicht als Objekte oder als Marionetten geführt werden, sondern lernen, aus eigenem Antrieb und mit eigener Motivation, denn nur so ist Kreativität möglich, zu handeln.
Ich möchte zum Schluss sagen, dass die Beschäftigung mit Kunst, hier mit dem Theater, die Möglichkeit bietet, dass Menschen aus sich heraustreten können, sich selbst und andere in anderen Wirklichkeitszusammenhängen sehen können und so ihre Rolle im Stück, das später dann das Leben ist, klarer sehen und in gestaltender Weise kompetenter, als Gestalter in einem positiven Sinne, spielen können. Was passiert mit Marionetten, wenn der Meister die Fäden loslässt? Sie fallen zu Boden, ihre Hilflosigkeit wird offenbar, ihre Möglichkeiten werden nicht genutzt, und schließlich können die Fäden von jemandem aufgehoben werden, der gar kein Meister ist, sondern ein Tyrann, der sich am wilden Tanz der willenlos herumgeschleuderten Puppen ergötzt.
herr essig, dürfen wir diesen text in unser programmheft aufnehmen? ich find ihn sehr gut.
find ich gut!!