ensemble am bunsen

Turmhose

Veröffentlicht in Kommentar von ottoessig am 29. Mai, 2008

Turmhose? Turmhose! Erst nach mehr als der Hälfte des Stückes, wie war noch mal der Name? Irgendwas mit „Verzeihung, Ihr Alten…“

Verzeihung, ihr Alten, wo finde ich Zeit, Liebe und ansteckenden Irrsinn?* 23.02.08Regie ° Matthias Huhn
Bühne & Kostüme ° Markus Karner, Dramaturgie ° Katrin Spira)

oder so, löst sich das Rätsel. Die Turmhose ist die Arbeitskleidung der Heimleiterin, welche die Idee von zwei ihrer Patienten begeistert aufgreift und eine Aussichtsplattform, bzw einen Turm bauen will, von dem die Heimbewohner auf die umliegende Landschaft schauen können. Welch ein großartiges Unterfangen, das allerdings daran scheitert, dass sowohl der Untergrund mit vergrabenem Diebesgut, das zwei Angestellte im Garten vergraben haben, „verseucht“ ist, als auch kein Baumaterial vorhanden ist, mit dem das Vorhaben auf eine angemessene Höhe gebracht werden können. Also weit entfernt vom Turmbau zu Babel, d.h. keine Höhe, die in irgendeiner Weise der Verwirklichung eines Traumes dienen könnte, eher ein gescheiterter Versuch, der nichtsdestotrotz mit großem Brimborium begossen und gefeiert wird, also ein Symbol für die Stellung der alten Menschen und dem Wert, der ihnen beigemessen wird. Was bleibt sind Absichtserklärungen, große Pläne und schöne Worte.

Ach ja, irgendwie hat das doch mit dem Turmbau von Babel zu tun, denn auch der ist ja gescheitert, allerdings nicht weil ein Gott die Hybris der Menschen bestraft, sondern sie scheitern an ihrer Verblendung und verwechseln die Unangemessenheit ihres Handelns mit Größe. Das kommt, auch wie in Babel, in der Verwirrung der Sprache zum Ausdruck, mit der das Versagen umgemünzt wird. Schließlich wird dieses Motiv in der Rezitation der Pflegeanweisungen weitergeführt, wo mit bürokratisch dürren Worten der Mensch zum Objekt reduziert wird.

Der Missbrauch der Sprache kommt auch dort zum Ausdruck, wo der Diebstahl materieller Güter durch den Medizinstudenten Bernhard zur Investition in seine Ausbildung uminterpretiert wird, damit also dem Wohle der Menschheit dient.

Kurz und gut, es gibt in der Anstalt Heuchelei, Raub, Machtmissbrauch und hündische Unterwerfung (Öh Walter), große Worte und nichts dahinter, Halso vieles, was auch in der äußeren Welt vorkommt. Als Valentin eine Liebesbeziehung mit der 81-jährigen Vera anfängt, scheitert diese nicht nur an deren Hinfälligkeit, sondern auch an der völligen Verständnislosigkeit und Ablehnung, die von körperlichem Ekel bis zum Mord reicht.

Ist Liebe kein Weg aus der Anstalt, so könnte es vielleicht Selbstmord sein. Doch auch dieser Weg scheitert. Der Ausdruck letzter eigener Selbstbestimmung endet mit der Bemerkung: „Jetzt liegen wir hier schon zwei Stunden rum“, also nicht tot und nicht versorgt. Würdelos eben.

Noch ein Wort zu dieser speziellen Aufführung: Der schleppende Beginn des Stückes, die fast schon aufreizende Langsamkeit der Handlung, verschafft dem Zuschauer die Möglichkeit, sich etwas im Zuschauerraum umzuschauen und siehe da: die große Mehrheit der Zuschauer sind alte Menschen; und plötzlich fühlt man sich wie im Altenheim und siehe da: genau das ist die Realität dieser Einrichtung und man ist mittendrin.

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2 Antworten

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  1. Miri sagte, am 31. Mai, 2008 zu 9:29 pm

    Ja, und was ich nicht vergessen würde zu erwähnen, auch wenn es eher auf Zufall beruht – die drückende Schwüle an dem Tag. Also, gegen Ende hatte ich kaum noch Luft zum Atmen – natürlich wegen der Hitze, aber auch weil diese brutale Realität und die Angst vor dem eigenen Alter (noch sind wir die Jungen, aber irgendwann versuchen wir vielleicht mit Whiskey und Tabletten uns umzubringen vor lauter Tristesse)und diese physische Atemlosigkeit hat erst die volle Anspannung und BEDRÜCKUNG vermittelt. Viel mehr noch als alle Inhalte, Metaphern und so weiter hat mich einfach die ganze Stimmung beeindruckt.

  2. Anne sagte, am 10. Juni, 2008 zu 10:33 pm

    das stück hat echt zum nachdenken angeregt, vor allem auch über die eigenen grosseltern, und dass wir alle irgendwann in dieser abhängigkeit leben müssen. es war wirklich bedrückend.


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