Lions!
Ich möchte allen, die zur Zeit unter der schweren Bürde des unmittelbar bevorstehenden mündlichen Abiturs stöhnen oder unter anderen Belastungen, die das Leben so mit sich bringt, leiden, versichern, dass wir an diesem Wochenende schon gewissenhaft und produktiv an der Weiterentwicklung unseres Theaterstückes gearbeitet haben und auch morgen weiter daran arbeiten werden. Wir werden morgen eine präzise Niederschrift über die Entwicklung der Inszenierung anfertigen, so dass alle Verhinderten die Informationen besitzen, die sie benötigen, um sich lückenlos in das Konzept einzufügen. In diesem Sinne: Venceremos!
Ein Dialog, wie er zur Zeit an jeder Ecke in Heidelberg und Umgebung zu hören ist.
Auguste: Sag mal, schaust du dir eigentlich „Romeo und Julia“ an?
Anna: Wo wird das gespielt?
Auguste: Im Bunsen.
Anna: Kommt drauf an, ob ich Zeit hab. Wann ist das denn?
Auguste: Ich glaube am fünfzehnten Juli. Warte mal, hier hab ich’s aufgeschrieben. Ja genau, Dienstag, fünfzehnter Juli.
Anna: Blöd, da kann ich nicht. Spielen die das nur einmal?
Auguste: Nein, die spielen das immer viermal, also bis zum Freitag, das ist der achtzehnte.
Anna: Dann geh ich mit. Allerdings Romeo und Julia kenn ich eigentlich schon.
Liebesschmonzette mit traurigem Ausgang. Ich mach’s mal davon abhängig, ob meine Beziehung bis dahin noch intakt ist, sonst halte ich das nicht aus.
Auguste: Na ja, Liebesschmonzette, das stimmt schon, aber das ist ja nicht alles. Immerhin gibt’s da auch Gründe, warum die Geschichte tragisch endet.
Anna: So, welche denn?
Auguste: Also erstmal sind die Familien von denen total verfeindet und dann haben die Eltern von Julia auch noch eine gute Partie für Julia ausgesucht. Fett Kohle. Deshalb haben die was dagegen, dass Julia mit ihrem Romeo glücklich wird.
Anna: Das klingt nach Mittelalter. Braucht uns ja eigentlich nicht zu interessieren. Solche Verhältnisse haben wir schon längst hinter uns. Meine Alten motzen zwar auch immer rum wegen Tobi, aber das ist mir doch egal. Ne Tragödie wird da nicht draus.
Auguste: Ein bisschen anders ist die Geschichte von Romeo und Julia schon. Es geht ja nicht um zwei wirkliche Personen. Die Welt würde sich sonst nicht für die beiden interessieren, genauso wenig wie für dich und deinen Tobi. Es geht darum, dass die Liebe gegen die Gewalt unterliegt, aber irgendwie trotzdem siegt.
Anna: Na toll, das klingt aber ziemlich abgeklatscht.
Auguste: Also ich sehe das so: Dadurch, dass Romeo und Julia sterben, kommen die, die daran schuld sind zur Vernunft und versöhnen sich, so dass letztlich die Liebe über die Gewalt siegt. Als wir mal in Verona waren, haben wir auch das Haus mit dem Balkon gesehen, wo Julia angeblich gewohnt hat. Alles Quatsch, sagt mein Vater. Trotzdem waren da unglaublich viele Leute aus der ganzen Welt und wollten das sehen. Mein Vater sagt, dass der ganze Rummel auch was mit Shakespeare und seiner Sprache zu tun hat. Irgendwie passt die zur Schönheit dieses Traumes, sagt er.
Anna: Also gut, dann lass uns zusammen hingehen. Allerdings halte ich das für eine Illusion, dass die Liebe über die Gewalt siegt, da brauchst du bloß die Zeitung aufzuschlagen. Ich bring aber auf jeden Fall Tobi mit, dann checkt der vielleicht mal was Liebe ist. Meinst du die machen das gut? Ach warte mal, ich hab ne SMS von Tobi…. Was schreibt der denn da? „Du lehrst die Fackel brennen, hell entfacht! Als hing’ sie an der Wange dieser Nacht wie an des Mohren Ohr ein edler Stein. Schönheit zu reich! Für diese Welt zu rein!“ Ganz schön abgedreht, der Knabe. So geht das andauernd. Keine Ahnung woher er das hat.
…
Romeo und Julia, gespielt von der Schauspielgruppe des Bunsen-Gymnasiums
„Romeo und Julia“ braucht man nicht vorzustellen. „Romeo und Julia“ ist seit seiner Entstehung in aller Munde. Romeo und Julia stehen für die Liebe mit all ihren Gefährdungen. Die Tragödie ist die Darstellung eines Traumes, der an Gegenspielern, die diesen Traum nicht zulassen wollen oder können, scheitert. Dennoch ist gerade dieses Scheitern das, was diesen Traum so einzigartig macht und dazu führt, dass sich viele Menschen diesen Traum zu eigen machen und ihn träumen angesichts all der Widerstände, die der Realisierung dieses Traumes jeweils entgegenstehen. „Romeo und Julia“ ist ein Spiel von Macht, Liebe und Tod, das trotz aller Klischeehaftigkeit, die diesem Thema heute oft anhaftet, immer noch durch die Sprache Shakespeares eine starke Aussagekraft besitzt und die, auch in der deutschen Übersetzung, durch ihre Bildhaftigkeit unendlich viele aktuelle Bezüge ermöglicht.
Romeo und Julia stehen nicht nur für die Bedrohung der Liebe, sondern auch für die Bedrohung durch die Liebe. Dort nämlich, wo die Liebe Grenzen überschreitet, stellt sie eine Bedrohung dar, weil diese Grenzen in irgend jemandes Interesse gezogen sind oder mindestens irgend jemandes Interesse dienen, also Machtbereiche abstecken. Deshalb werden die Liebenden bekämpft. Aber erst wenn diese Grenzen überschritten werden und Widerstand sich regt, werden diese sichtbar und damit erkennbar gemacht und können so im besten Falle überwunden werden.
Romeo und Julia stellen das ureigenste Bedürfnis der Menschen nach einem absoluten Traum von der Harmonie der Welt dar. Die destruktiven Kräfte verhindern die Realisierung dieses Traumes, geben sich aber dadurch als solche zu erkennen und werden angreifbar und geschwächt. Deshalb wird Shakespeares Tragödie auf der ganzen Welt verehrt und geliebt. Wer in Verona das Haus der Capulets besucht (das natürlich nichts mit den Capulets in Shakespeares Tragödie zu tun hat), findet Menschen und Inschriften aus allen Kulturen, und Julias goldene Statue im Hof wird verehrt wie eine Heilige.
Wir versuchen in unserer Inszenierung einen Teil der unendlichen Möglichkeiten dieses Stückes zu erschließen.
The Lion sleeps tonight?
Die Theaterschüler des Bunsen-Gymnasiums sind das Beste, was wir zu bieten haben. Sie haben keine Angst vor Improvisation, keine Angst vor einem möglichen Scheitern, sie gehen ein Risiko ein und versuchen in der allgemeinen Lethargie der Pause die Routine zu durchbrechen und etwas anders als die anderen, verrückt eben, „The lion sleeps tonight“ zu singen, in der Hoffnung natürlich, dass das bemerkt wird und im besten Fall viele Zuschauer oder Mitspieler anlockt. Das war auch der Fall. Naja, Mitspieler vielleicht nicht, denn der Deutsche ist träge und im Augenblick ganz auf die Europameisterschaft fokusiert, aber Zuschauer schon. Aufmerksamkeit auf jeden Fall. Ich habe sogar einige nachher ganz begeistert davon erzählen hören. Also ich fand es toll und danke allen, die daran beteiligt waren. Leider habe ich nicht alles ganz genau mitbekommen, da ich von einem Schwarm aufdringlicher Sextaner umringt war, die ihre eigenen Vorstellungen von Schule haben und unbedingt wissen wollten, was der Durchschnitt in der Klassenarbeit war. Denn der Durchschnitt ist wichtig. Er entscheidet, ob man über oder unter dem Durchschnitt liegt. Als ich einwarf, dass für jeden ja eigentlich nur seine eigen Note von Bedeutung sei, wurde mir gesagt, die Eltern wollten ganz genau wissen, ob sie über oder unter dem Durchschnitt liegen, also wollten sie schon mal den Durchschnitt wissen, um ihre Chance abschätzen zu können darüber zu liegen. Ein guter Durchschnitt löst andererseits ungeheure Ängste aus, denn wenn der Durchschnitt bei 2 liegt, dann besteht natürlich bei vielen eine berechtigte Angst, unter dem Durchschnitt zu liegen. Andererseits gibt es offensichtlich auch viele gute Noten, aber ob man dazugehört? Diese durchschnittsbesessenen Kinder haben von dem Löwen, der da schlief, nichts mitbekommen, nicht mal, als die Dorfbewohner singend an uns vorbeistreiften. Man hätte eine Kanone abfeuern können und die wären trotzdem bei ihrem Durchschnitt geblieben. Ich glaube es ist höchste Zeit, den Löwen zu wecken:







1 Kommentar