ensemble am bunsen

Die Aufführung

Veröffentlicht in Romeo und Julia von ottoessig am 29. Juli, 2008

Liebe und andere Grenzüberschreitungen

Erfolgreiche Premiere von Shakespeares „Romeo und Julia“ am Bunsen Gymnasium

Shakespeare schrieb über die großen Gefühle, über Liebe, Leid, Hass und Missgunst. Romeo und Julia, 1597 veröffentlicht, gehören noch heute zu den tragischsten Liebenden überhaupt. Seit Generationen besteht Feindschaft zwischen den beiden Veroneser Familien Capulet und Montague. Und doch verlieben sich zwei ihrer Kinder ineinander. Heimlich wird geheiratet, doch Julia ist einem anderen versprochen. Von ihrem fingierten Tod wird Romeo nicht rechtzeitig unterrichtet und bringt sich an ihrem vermeintlichen Totenbett um. Sie erwacht und der Anblick ihres Liebsten treibt sie ebenfalls in den Freitot. Die Familien vergessen über dieser Tragödie ihren Streit und versöhnen sich. Doch um welchen Preis?

Das Stück unter der Regie von Otto Essig beginnt kraftvoll. Die Spieler stehen mit dem Rücken zum Publikum, über ihnen hängt ein Hochzeitskleid wie ein Damoklesschwert. Gleich zu Beginn wird durch die Liveinterpretation von „Sympathy for the devil“ der Stones klar gemacht, dass der Teufel, hier der Tod, alle im Griff hat. Zwei Personen liegen regungslos am Boden, stellvertretend für all die, die ihrem Schicksal nicht entkommen.

Essig hat seine Hauptdarsteller hervorragend besetzt. Tala Al-Deen verkörpert den Romeo überaus glaubhaft und präzise. Ein Charakter, der seine anfänglichen Posen überwindet und sein Verhalten radikal ändert. Und in reines Posieren verfällt Al-Deen in keiner Sekunde, und das, obwohl sie eine Frau ist und die Darstellung eines Mannes ihr einiges abverlangt. Auch Célia John als Julia spielt zurückhaltend glaubhaft bis zum bitteren Ende und diese Paarung ist einfach rundherum stimmig. Romeos treue Gefährten Mercutio und Benvolio, gespielt von Jasmin Varul und Nabila Khannoussa, zeigen eindrücklich, dass Machoposen und ernste Gespräche unter Männern durch starke Frauen glaubwürdig dargestellt werden können. Die vier Frauen spielen angenehm uneitel, ohne zu chargieren und machen die Inszenierung zu einem Genuss! Henry Jimenez als Romeos Erzfeind Tybalt ist da natürlich viel mehr Mann, bremst seine Wut und seine Emotionalität aber an manchen Stellen zu stark. Gegenüber der Frauenriege wirken die Männer, auch Lukas Schrenk als Julias zukünftiger und selbstverliebter Gatte Paris leider etwas blass. Aber wenn er versucht sich zu Tangomusik seiner immer wieder ausweichenden Julia zu nähern, verliert er in seinem hoffnungslosen Drängen diese Zögerlichkeit. Eindrücklich auch Romeos Mutter, die Anne Leiser mit leisen Tönen spielt. Ganz anders die Capulets: Bozidar Kocevski erinnert an einen schmierigen Autoverkäufer, der mit der nötigen Strenge die Familie führt, Sarah Mühlbach als permanent überforderter Mutter scheint die Modezeitschrift wichtiger zu sein als die Tochter. Sie spricht ihren Text mit viel Abstand, was der Rolle hier aber dient, lässt Frau Capulet auch keine körperliche Nähe zu.

Pater Lorenzo hat mit Melanie Irmey eine Spielerin, der man den Gutmenschen von der ersten bis zur letzten Sekunde abnimmt. Unaufgeregt und niemals aufgesetzt nimmt man ihr die durchlittenen Qualen stets ab. Wlada Kasper als Landesherrscher Prinz Escalus beherrscht die Posen eines eitlen Politikers und kommentiert stets in ein dargereichtes Mikrofon. Miriam Aberkane als Julias Amme spielt sehr nuancenreich und sorgt dafür, dass die Mitspieler immer in Bewegung bleiben.

Ein weißes, mit Stoff bezogenes Podest und sieben weiße Stühle bilden das Bühnenbild, das durch die 20 Spieler in den Ensembleszenen hervorragend genutzt wird. Im Schwarzlicht zu „Remmidemmi“ von Deichkind rocken sie im Haus der Capulets richtig ab, die vorsichtige und leise Annäherung von Romeo und Julia wirkt im Gegensatz dazu noch hintergründiger und einprägsamer. Ebenso der Schluss in der Gruft, der von den Spielern nur mit Taschenlampen beleuchtet wird. Wenn sich nach dem Tod der Liebenden beide Familien rechts und links aufreihen und zu klassischer Musik in Zeitlupe die Seiten wechseln, dann bekommt man als Zuschauer eine Gänsehaut. Die Versöhnung ist da. Romeo und Julia nimmt man nur noch schemenhaft wahr …

Die Schüler haben unter der Leitung von Otto Essig eine sehr gute Stückfassung in einer lustvollen Inszenierung umgesetzt und die Zuschauer belohnten dies mit Jubelrufen und lang anhaltendem Applaus.

Einziger Wermutstropfen des ansonsten rundum gelungenen Abends waren die Licht- und Tonprobleme. Die Gruppe wurde wegen Bauarbeiten erst zwei Tage vor der Premiere auf die Bühne gelassen. Eine Schule, die erfreulicherweise das Fach Darstellendes Spiel als Abiturfach anbietet, sollte dieses Engagement doch eigentlich nach Kräften unterstützen und dies mit einplanen.

Weitere Vorstellungen am 17. und 18.07., jeweils 19.30 Uhr

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