Brechts episches Theater (1)
Brechts episches Theater ist nur über die Kenntnis der Theorie, der Struktur und der spezifischen Inhalte zugänglich.
Dieses Theater ist fest mit den geschichtlichen und literarischen Entwicklungen vom 19. zum 20. Jahrhundert verbunden.
Das epische Theater ist ein Versuch, ein modernes Drama zu ermöglichen, ja das Drama für die Moderne zu bewahren, die von Brecht als das „wissenschaftliche Zeitalter“ verstanden wurde.
Die Frage ist für Brecht: wie kann die Literatur, also auch das Drama, auf die veränderte Weltlage reagieren und ihr gerecht werden und wie kann die Literatur, also auch das Drama, auf die Fragestellungen der modernen Zeit eingehen und zu einer Antwort beitragen.
Das epische Theater, das „Theater im wissenschaftlichen Zeitalter“ wendet die Erkenntnisse des Marxismus auf das dramtische Schaffen an und ist seinem Selbstverständnis nach der Versuch eines revolutionären Weltverständnisses und einer revolutionären Weltveränderung mit künstlerischen Mitteln.
Der Mensch der Moderne ist als handelndes Subjekt degradiert, er wird eher Objekt der ihn umgebenden Verhältnisse verstanden, die in ihrer globalen und historischen Dimension für ihn nicht mehr bewältigbar erscheinen und in denen er unterzugehen droht.
Die Darstellung der komplexen Welt ist auf das ordnende und formende Ich eines Erzählers angewiesen, nur durch ihn wird sie als das sichtbar, was sie als Ganzheit in Wirklichkeit ist. (Diesen Begriff des Epischen findet man schon bei Schlegel: „…die stetige Erzählung wird nicht eher aufhören, als bis der Stoff erschöpft und eine ungefähr vollständige Ansicht der ganzen umgebenden Welt vollendet ist,…“)
(Otto Ludwig definiert eine grundsätzliche Unterscheidung des Epischen vom Dramatischen: Das Dramatische setzt eine andere Anthropologie voraus. Der dramatische Mensch ist Subjekt seiner Welt, der epische ihr Objekt: „Der dramtische Charakter entwickelt sozusagen sich selbst, der epische wird entwickelt.“
Im Bereich des Dramatischen ist die Welt die Folie, vor der sich der Mensch handelnd entfaltet und durch Handeln Wirklichkeit schafft; im Bereich des Epischen ist er der Gegenstand, auf den die Welt einwirkt und den die Welt bestimmt. Oder anders ausgedrückt: Im Dramatischen drückt der Mensch der Welt seinen Stempel auf, im Epischen drückt die Welt dem Menschen ihren Stempel auf.
Erfordert also die Verflechtung des zum Objekt degradierten Menschen eine komplexe Darstellung dieser Verhältnisse in epischer (erzählender) Form, so erfordert auch der sozialrevolutionäre Ansatz der Weltveränderung eine ständige mitspielende Gegenwart der Welt, die eben in ihrer Komplexität nur episch abgebildet werden kann.
Um den Unterschied des epischen Theaters z.B. zu Schillers Dramen deutlich zu machen:
Bei Schiller finden wir den Triumph des Menschen über eine ihn feindselig bedrängende Wirklichkeit. Die freie Entscheidung für die vernünftige Einstimmung in die notwendige Gültigkeit überpersonaler Gesetze triumphiert über diese feindselige Wirklichkeit und sichert dem Menschen die Freiheit. So wird der Mensch mit Hilfe seiner Vernunft zum Souverän über die höchste Notwendigkeit und rettet seine Autonomie selbst im Untergang (Ferdinand, Posa, Maria Stuart etc.)
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