ensemble am bunsen

The Lion sleeps tonight?

Veröffentlicht in Kommentar von ottoessig am 4. Juni, 2008

Die Theaterschüler des Bunsen-Gymnasiums sind das Beste, was wir zu bieten haben. Sie haben keine Angst vor Improvisation, keine Angst vor einem möglichen Scheitern, sie gehen ein Risiko ein und versuchen in der allgemeinen Lethargie der Pause die Routine zu durchbrechen und etwas anders als die anderen, verrückt eben, „The lion sleeps tonight“ zu singen, in der Hoffnung natürlich, dass das bemerkt wird und im besten Fall viele Zuschauer oder Mitspieler anlockt. Das war auch der Fall. Naja, Mitspieler vielleicht nicht, denn der Deutsche ist träge und im Augenblick ganz auf die Europameisterschaft fokusiert, aber Zuschauer schon. Aufmerksamkeit auf jeden Fall. Ich habe sogar einige nachher ganz begeistert davon erzählen hören. Also ich fand es toll und danke allen, die daran beteiligt waren. Leider habe ich nicht alles ganz genau mitbekommen, da ich von einem Schwarm aufdringlicher Sextaner umringt war, die ihre eigenen Vorstellungen von Schule haben und unbedingt wissen wollten, was der Durchschnitt in der Klassenarbeit war. Denn der Durchschnitt ist wichtig. Er entscheidet, ob man über oder unter dem Durchschnitt liegt. Als ich einwarf, dass für jeden ja eigentlich nur seine eigen Note von Bedeutung sei, wurde mir gesagt, die Eltern wollten ganz genau wissen, ob sie über oder unter dem Durchschnitt liegen, also wollten sie schon mal den Durchschnitt wissen, um ihre Chance abschätzen zu können darüber zu liegen. Ein guter Durchschnitt löst andererseits ungeheure Ängste aus, denn wenn der Durchschnitt bei 2 liegt, dann besteht natürlich bei vielen eine berechtigte Angst, unter dem Durchschnitt zu liegen. Andererseits gibt es offensichtlich auch viele gute Noten, aber ob man dazugehört? Diese durchschnittsbesessenen Kinder haben von dem Löwen, der da schlief, nichts mitbekommen, nicht mal, als die Dorfbewohner singend an uns vorbeistreiften. Man hätte eine Kanone abfeuern können und die wären trotzdem bei ihrem Durchschnitt geblieben. Ich glaube es ist höchste Zeit, den Löwen zu wecken:

The lion sleeps tonight

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Turmhose

Veröffentlicht in Kommentar von ottoessig am 29. Mai, 2008

Turmhose? Turmhose! Erst nach mehr als der Hälfte des Stückes, wie war noch mal der Name? Irgendwas mit „Verzeihung, Ihr Alten…“

Verzeihung, ihr Alten, wo finde ich Zeit, Liebe und ansteckenden Irrsinn?* 23.02.08Regie ° Matthias Huhn
Bühne & Kostüme ° Markus Karner, Dramaturgie ° Katrin Spira)

oder so, löst sich das Rätsel. Die Turmhose ist die Arbeitskleidung der Heimleiterin, welche die Idee von zwei ihrer Patienten begeistert aufgreift und eine Aussichtsplattform, bzw einen Turm bauen will, von dem die Heimbewohner auf die umliegende Landschaft schauen können. Welch ein großartiges Unterfangen, das allerdings daran scheitert, dass sowohl der Untergrund mit vergrabenem Diebesgut, das zwei Angestellte im Garten vergraben haben, „verseucht“ ist, als auch kein Baumaterial vorhanden ist, mit dem das Vorhaben auf eine angemessene Höhe gebracht werden können. Also weit entfernt vom Turmbau zu Babel, d.h. keine Höhe, die in irgendeiner Weise der Verwirklichung eines Traumes dienen könnte, eher ein gescheiterter Versuch, der nichtsdestotrotz mit großem Brimborium begossen und gefeiert wird, also ein Symbol für die Stellung der alten Menschen und dem Wert, der ihnen beigemessen wird. Was bleibt sind Absichtserklärungen, große Pläne und schöne Worte.

Ach ja, irgendwie hat das doch mit dem Turmbau von Babel zu tun, denn auch der ist ja gescheitert, allerdings nicht weil ein Gott die Hybris der Menschen bestraft, sondern sie scheitern an ihrer Verblendung und verwechseln die Unangemessenheit ihres Handelns mit Größe. Das kommt, auch wie in Babel, in der Verwirrung der Sprache zum Ausdruck, mit der das Versagen umgemünzt wird. Schließlich wird dieses Motiv in der Rezitation der Pflegeanweisungen weitergeführt, wo mit bürokratisch dürren Worten der Mensch zum Objekt reduziert wird.

Der Missbrauch der Sprache kommt auch dort zum Ausdruck, wo der Diebstahl materieller Güter durch den Medizinstudenten Bernhard zur Investition in seine Ausbildung uminterpretiert wird, damit also dem Wohle der Menschheit dient.

Kurz und gut, es gibt in der Anstalt Heuchelei, Raub, Machtmissbrauch und hündische Unterwerfung (Öh Walter), große Worte und nichts dahinter, Halso vieles, was auch in der äußeren Welt vorkommt. Als Valentin eine Liebesbeziehung mit der 81-jährigen Vera anfängt, scheitert diese nicht nur an deren Hinfälligkeit, sondern auch an der völligen Verständnislosigkeit und Ablehnung, die von körperlichem Ekel bis zum Mord reicht.

Ist Liebe kein Weg aus der Anstalt, so könnte es vielleicht Selbstmord sein. Doch auch dieser Weg scheitert. Der Ausdruck letzter eigener Selbstbestimmung endet mit der Bemerkung: „Jetzt liegen wir hier schon zwei Stunden rum“, also nicht tot und nicht versorgt. Würdelos eben.

Noch ein Wort zu dieser speziellen Aufführung: Der schleppende Beginn des Stückes, die fast schon aufreizende Langsamkeit der Handlung, verschafft dem Zuschauer die Möglichkeit, sich etwas im Zuschauerraum umzuschauen und siehe da: die große Mehrheit der Zuschauer sind alte Menschen; und plötzlich fühlt man sich wie im Altenheim und siehe da: genau das ist die Realität dieser Einrichtung und man ist mittendrin.

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Guter Mond, du gehst so stille…

Veröffentlicht in Kommentar von ottoessig am 1. Mai, 2008

Ich möchte mich heute Abend noch zu einer meiner Ansicht nach sehr wichtigen Funktion des Theaters und der Kunst überhaupt in der heutigen Zeit äußern.

In unserer Zeit gibt es nicht, wie noch vor 18 Jahren, eine alternative Welt mit einem alternativen gesellschaftlichen System, das unser System in der Auseinandersetzung lebendig hielt und immer zwang, in Punkto Wohlstand, Freiheit und Effektivität besser zu sein, um die Menschen von seiner Qualität zu überzeugen. Beleidigte Reaktionen wie: „geh doch rüber, wenn es dir hier nicht passt“, blieben immer individuelle Ausnahmen. Der Staat hätte es sich nicht leisten können, sein unzufriedenes Volk „rüberzuschicken“.

Heute haben wir zwar noch immer keine „Eine-Welt“, aber wir haben nur noch ein System, das die Welt regiert. Was das politisch bedeutet, möchte ich hier nicht diskutieren.

Ich möchte aber diskutieren, was es im Hinblick auf die ideologische Ausrichtung der Menschen, insbesondere der Jugend in unserer Zeit bedeutet.

Junge Menschen wachsen in unserer Zeit in einer Gesellschaft auf, die nunmehr ohne Rücksicht auf alternative Ideologien ihre Ziele alleine diktieren kann. Junge Menschen wachsen mit ungebrochenen Konsumvorstellungen auf, mit ungebrochenen Oberflächlichkeiten in den Medien, die sich alleine an (letztlich manipulierten) Konsumentenwünschen orientieren. Junge Menschen lesen heute keine Philosophen mehr, die alternative Gesellschaftsmodelle entworfen haben oder kritisch auf Missstände hinweisen. Sie setzten sich nur noch mit der Frage auseinander, wie gut kann ich mich den Anforderungen des Systems anpassen.

Und genau an diesem Punkt versagt unser heutiges Schulsystem. Anstatt den Jugendlichen Bildung im wahrsten Sinne des Wortes zu vermitteln, d.h. die Jugendlichen mit historischen Kenntnissen, mit sprachlichen Kompetenzen und Wissen in anderen Bildungsbereichen auszustatten, präsentieren wir Inhalte aller Art wie Fetzen eines in seiner Gesamtstruktur nicht mehr erkennbaren Gewebes und sichern ihre Existenzberechtigung mit Noten ab, die ihr seelenloses Nachbeten honoriert.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Es geht nicht gegen Wissen in möglichst vielen Bereichen, aber ich wende mich gegen eine Wissenvermittlung unter Zeitdruck und als Massenabfertigung, welche Fragen, wie und wozu dieses Wissen letztlich eingesetzt werden soll, völlig ignoriert. Bildung ist im Augenblick Leistungsdruck auf Schüler und Lehrer gleichermaßen, leicht gemildert durch den Irrtum, dass durch richtige Methoden Faktenwissen leichter in den Schüler flutscht (dabei ist die Idee des Nürnberger Trichters schon im Mittelalter Gegenstand der Satire gewesen). Eine Wertediskussion, die den Schülern einen Blick auf ihren/unseren Stellenwert in der Geschichte, d.h. Vergangenheit und Gegenwart, eröffnen könnte, wird nicht mehr geführt. Inzwischen haben die Schüler selber die letztlich von der unmittelbaren Verwertbarkeit der Abiturienten in einem Turbostudium mit anschließender unmittelbaren Verwertbarkeit in der Wirtschaft, zu der heute auch zunehmend die Forschung an den Universitäten zu zählen ist, internalisiert. Eine Diskussion wird häufig genug von den Schülern mit der Bemerkung in Frage gestellt oder abgebrochen: „Ist das für die nächste Klausur wichtig?“

Kritisches Denken, inhaltliche Diskussionen sind nicht nur nicht mehr gefragt, man weiß gar nicht mehr, dass es so etwas gibt.

Ich möchte jetzt zu meinem eigentlichen Thema kommen:

Ich denke, dass in einer Zeit der völligen Abwesenheit politischer und philosophischer Auseinandersetzungen die Kunst die Aufgabe hat, demokratische Prozesse zu befördern und geistige Auseinandersetzungen zu führen.

Das war auch der Grund, warum ich so entsetzt war, als ich kürzlich aufgefordert wurde, mehr „Druck“ zu machen (wie in Erdkunde oder was weiß ich, in Mathe), damit die Produktion unseres Theaterstückes Fortschritte macht.

Wenn wir den produktiven Möglichkeiten im Bildungsbereich ihre ureigenste Qualität nehmen, und sie in das monotone Stampfen der sich im Rad drehenden Hamster einreihen, sie in ein von oben verordnetes System pressen, dann haben wir uns nicht nur der Kreativität, der Möglichkeit zur Distanzierung, der Möglichkeit zur alternativen Sicht -und Denkweise, letztlich der Möglichkeit zur Veränderung beraubt, wir haben dann auch ein Menschenbild über Bord geworfen, das von der Aufklärung bis zu den sozialen Vorstellungen des Sozialismus die freiheitlichen und kreativen Möglichkeiten des Menschen ermöglicht und gefördert und letztlich unsere freiheitlichen Strukturen ermöglicht hat.

Wir wenden uns mit aller Entschiedenheit gegen die Entmündigung des Menschen, dem suggeriert wird, dass die real existierende Wirklichkeit die einzig mögliche Wirklichkeit und Anpassung das einzig richtige Verhalten ist.

Wir wenden uns gegen die Entmündigung der Jugendlichen, indem sie z.B. in der Theater -AG nicht als Objekte oder als Marionetten geführt werden, sondern lernen, aus eigenem Antrieb und mit eigener Motivation, denn nur so ist Kreativität möglich, zu handeln.

Ich möchte zum Schluss sagen, dass die Beschäftigung mit Kunst, hier mit dem Theater, die Möglichkeit bietet, dass Menschen aus sich heraustreten können, sich selbst und andere in anderen Wirklichkeitszusammenhängen sehen können und so ihre Rolle im Stück, das später dann das Leben ist, klarer sehen und in gestaltender Weise kompetenter, als Gestalter in einem positiven Sinne, spielen können. Was passiert mit Marionetten, wenn der Meister die Fäden loslässt?  Sie fallen zu Boden, ihre Hilflosigkeit wird offenbar, ihre Möglichkeiten werden nicht genutzt, und schließlich können die Fäden von jemandem aufgehoben werden, der gar kein Meister ist, sondern ein Tyrann, der sich am wilden Tanz der willenlos herumgeschleuderten Puppen ergötzt.

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Würde von oben?

Veröffentlicht in Kommentar von ottoessig am 24. April, 2008

Das Schultheater ist eine der Einrichtungen, die richtig verstanden und umgesetzt, d.h. als offene Arbeitsform, bei der die Ensemblearbeit im Vordergrund steht, demokratische Prozesse und demokratisches Denken pflegen und fördern kann.

Es erschreckt mich schon, wenn Schüler, die sich der Macht der Lehrer hilflos ausgeliefert sehen, nach staatlichen Kontrollinstanzen rufen, wie z.B. unangekündigte Unterrichtsbesuche (von Gutmenschen vermutlich), ja sogar Überwachungskameras (arme Schüler) etc..

Wenn ein Kriegsheimkehrer aus dem 1. Weltkrieg nach einer verheerenden Niederlage und anschließender Arbeitslosigkeit im Gefühl der tiefen Ohnmacht nach einem starken Führer ruft, der ihm Abhilfe verspricht und seine Würde, fragwürdig zwar, aber immerhin wiederherstellt, dann kann man das nachempfinden. Wenn das in einer Zeit passiert, in der demokratisches Denken noch unterentwickelt und nicht eingeübt ist, dann kann man das auch verstehen. Wenn ein Schüler sich heutzutage danach sehnt, dass manche Lehrer „von oben“ kontrolliert und bestraft werden, dann kann man das bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, wenn eben dieses Gefühl der Ohnmacht und der Würdelosigkeit vorherrscht und offenbar niemand helfen kann.

Aber ist das eine Lösung? Lässt sich diese Art der „Problemlösung“ mit dem Bildungsauftrag vereinbaren und welche anderen Möglichkeiten gibt es?

Unser Wertesystem beruht auf dem Grundsatz, dass jeder Mensch Würde an sich hat. Zunächst ist dabei davon auszugehen, dass jeder Mensch versucht, richtig zu handeln und dabei die Interessen der anderen nicht zu verletzen. Kommt es nun zu Konflikten, so sollten direkte Kommunikationsprozesse in Gang gesetzt werden können, die zum Ziel haben, diese Konflikte zu lösen oder Kompromisse zu finden. Schon der Gedanke, dass diese Lösungen von irgendwie gearteten Obrigkeiten herbeigeführt werden könnten, ist problematisch. Gerade im Bildungsbereich sollte es möglich sein, Handlungsweisen zu erlernen, die einen möglichst kompetenten Umgang mit Inhalten, aber auch mit sozialen Verhaltensweisen, ermöglichen. Das sollte ein Konsens aller am Schulleben Beteiligten sein.

Es besteht kein Zweifel, die Schule hat, wie auch alle andere Institutionen, auch die Familie, eine Besonderheit, die den, sagen wir einmal machtfreien Dialog und Umgang miteinander in idealer Weise nicht erlaubt: Das ist die Unzulänglichkeit aller Menschen. Natürlich machen Lehrer Fehler, natürlich machen Schüler Fehler, natürlich machen Eltern Fehler und sogar hohe Komissare beim Schulbesuch. Daher ist es wichtig, dass Regeln und andere geeignete Instrumentarien ein verlässliches Gerüst bieten, auf die sich alle gemeinsam beziehen und besinnen können. Sie weisen uns auf unsere Grenzen hin und sollten uns daran hindern, sie zu überschreiten. Dazu muss man diese Grenzen in einem Erziehungsprozess immer wieder klar machen, anderen und sich selbst. Übrigens ist es für Kinder sehr wichtig, auf Grenzen hingewiesen zu werden, da sie sonst ihre Persönlichkeit nicht abgrenzen, bzw. definieren können und ihre Möglichkeiten in positiver Hinsicht nicht erkennen können.

Gibt es diese Regeln als Konsens und gibt es die Möglichkeit, das Gespräch zur Klärung aller Fragen und Probleme in Gang zu setzen, dann braucht man auch den Ruf nach der Obrigkeit nicht und auch nicht die würdelose, meist anonyme, späte Rache oder den Groll auf die Schule, den man dann an seine Kinder weitergibt.

Wir brauchen verlässliche und verständliche Regeln, wir müssen uns immer wieder auf ihre Einhaltung besinnen und wir brauchen die kommunikativen Fertigkeiten und den Mut, uns unseres Verstandes zu bedienen. Dann werden unsere Kinder zu selbstbewussten und in jeder Hinsicht kompetenten Individuen, die stark sind und nicht nach dem starken Mann rufen müssen. Nur so kann eine menschenwürdige moderne Gesellschaft entstehen.

Um auf den Bezug zum Theater zurückzukehren: Das Theater als Kunstform ist nicht gesellschaftskonform, es steht immer im Widerspruch zu allgemein menschlichen oder gesellschaftlich bedingten Erscheinungsformen. Eine genormte Gesellschaft versucht auch immer, die Kunst ihrer kritischen Komponente zu berauben. Das Theater ist der Todfeind jeder Normierung und aller obrigkeitlichen Strukturen. Lasst uns also den Kontrolleuren aller Länder den Schlachtruf der Freiheit entgegenschleudern, auf dass sie erblassen und die menschliche Gesellschaft für immer meiden.